Egal, ob die USA gerade Nicolás Maduro aus Caracas entführten oder Bomben auf die Stellungen der Revolutionsgarden im Iran abwarfen: Er war immer in der ersten Reihe dabei. US-Senator Lindsey Graham aus South Carolina hat in den vergangenen Monaten die Nähe zu US-Präsident Donald Trump gesucht und gefunden. Graham war zum Beispiel mit an Bord der Air Force One, als Trump Anfang Jänner Journalisten über die Details zum Kidnapping von Maduro berichtete.
Vergangene Woche war Graham zu Gast beim Nachrichtensender Fox, um darüber zu sprechen, welche Ziele die USA in den kommenden Friedensverhandlungen mit Teheran erreichen sollen. Seine erste Forderung lautete, dass der Iran niemals eine Atomwaffe bauen dürfe. Dann skizzierte Graham eine zweite rote Linie, aus Sicht der USA: Die Rolle des Dollars dürfe nicht untergraben werden. "Eine Gefahr, die von diesem ganzen Debakel ausgeht, besteht darin, dass es dem Dollar schaden wird, wenn wir zulassen, dass Öl in der chinesischen Währung gehandelt wird", sagt Graham.
Der Senator formuliert damit erstaunlich offen eine These, die unter Ölmarktexperten, Investoren und Ökonomen hitzig diskutiert wird: Eine der wesentlichen Antriebsfedern hinter der US-Außenpolitik Trumps ist demnach die Stabilisierung und Absicherung des Petrodollar-Regimes. Erdöl ist bis heute das am meisten gehandelte Gut auf der Welt. Rund 80 Prozent dieses Handels werden in Dollar abgewickelt. Allein der physische Ölhandel beläuft sich auf rund 1300 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Dazu kommen noch hunderte Milliarden, die in Form von dollarbasierten Öl-Derivaten an den Börsen gehandelt werden. Das System sorgt für einen kaum stillbaren globalen Durst von Unternehmen, Investoren und Staaten nach dem Greenback.
Schon die Entführung Maduros diente vornehmlich dazu, dieses System abzusichern, sagt der österreichische Ölmarktexperte Johannes Benigni, Direktor von JBC Vienna. Venezuela ist zwar ein vergleichsweise kleiner Erdölexporteur. Das Land sitzt aber auf einer der größten Ölreserven der Welt. Venezuela hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, den Ölhandel mithilfe von Kryptowährungen am Dollar vorbei zu organisieren, um so die US-Sanktionen zu umgehen.
Seit der Entmachtung Maduros ist das Ölgeschäft des südamerikanischen Landes wieder fest in Dollars betrieben. Die US-Regierung verkauft einen Teil des venezolanischen Öls selbst und überweist die Einnahmen an die Regierung in Caracas, alles in Dollar, natürlich. Die staatliche Ölgesellschaft PDVSA darf nur noch an von Washington lizensierte Unternehmen verkaufen. "Für Trump war das wohl eine Blaupause für den Iran, außer, dass es sich dort wohl nicht umsetzen lässt", sagt Benigni.
Was ist dran an der These? Schwer zu sagen. Sicher ist: Der globale Ölhandel in Dollar bildet die Basis dafür, dass der US-Dollar mit Abstand die wichtigste Währung der Welt ist.
Diese Dominanz ist für die USA ein unschätzbarer Vorteil, den Ökonomen gern als "exorbitant privilege" bezeichnen. Die große Nachfrage nach Dollars führt dazu, dass US-Wertpapiere begehrt sind. Um Dollars sicher anzulegen, werden auch US-Anleihen gekauft. Das sind Schuldscheine, die der Staat selbst verkauft. Die hohe Nachfrage nach den Anleihen führt dazu, dass die USA billig Schulden aufnehmen können.
Die Dollar-Dominanz ist auch Basis der US-Wirtschaftsmacht. Die US-Sanktionen sind weltweit deshalb gefürchtet, weil sie Ländern und Unternehmen über Nacht den Zugang zur Währung abschneiden können und jede Dollar-Zahlung, die Washington nicht genehm ist, zu Sanktionen führen kann.
Nun gibt es schon lange Versuche, die Dominanz des Dollars zu brechen. Nicht wenige davon setzen direkt bei Öl an. Schon Ex-Diktator Saddam Hussein versuchte nach der Jahrtausendwende, Öl stattdessen in Euro zu verkaufen. Neu ist, dass mit China ein Player aufgetaucht ist, der das Potenzial hat, die USA wirtschaftlich herauszufordern. Der Irankrieg sei "eine strategische Reaktion auf die zunehmende Annäherung des Globalen Südens an China und die damit einhergehende Ent-Dollarisierung. Für die USA geht es, unabhängig von der Rhetorik, diesmal allein darum, den Petrodollar zu retten", schreibt Analystin Hiba Maik vom Institute of Policy Studies in Islamabad.
Im Welthandel führt an China kein Weg mehr vorbei, auch nicht beim Öl. Aus der Sicht Pekings gibt es keinen Grund, warum ein großer Teil dieses Handels weiter in der Währung einer konkurrierenden Weltmacht stattfinden soll. Laut einer Analyse des Datendienstleisters S&P hat die chinesische Führung in den vergangenen Jahren diverse Versuche unternommen, den Ölhandel mit Saudi-Arabien in chinesischem Renminbi abzuwickeln. China hat inzwischen ein eigenes Zahlungssystem namens CIPS entwickelt, das eine Alternative zu dem bisher global genutzten Swift-System bieten und grenzüberschreitende Banküberweisungen ermöglichen soll.
Aber das alles sind bisher Nischenprogramme. Ein Grund dafür ist, dass Ölverkäufer wie Saudi-Arabien die Überschüsse aus dem Ölgeschäft investieren müssen. Der US-Finanzmarkt bleibt weiter der mit Abstand größte der Welt, während China seine Aktien- und Anleihenmärkte weiter abschottet.
Mit Ausnahme Kuwaits haben zudem auch alle Golfländer ihre Währungen an den US-Dollar gekoppelt. Für sie ist der Dollar die sicherste Anlagewährung, weil sie keine Wechselkurschwankungen fürchten müssen.
Aber die Rolle des Petrodollars ist nicht mehr einzementiert, wie in den vergangenen Jahrzehnten. Historisch waren das Pfund Sterling und der Dollar lange Zeit fast gleich wichtig im Erdölbusiness. Ironischerweise war es die misslungene Intervention der Briten an einer Meerenge, die den Niedergang des Sterling beschleunigt hat. Ende Juli 1956 ließ Ägyptens Staatschef Abdel Nasser den Suezkanal verstaatlichen, der bis dahin einem britisch-französischen Konsortium gehörte. Israel, Großbritannien und Frankreich intervenierten militärisch, doch die Aktion endete in einem Fiasko. Investoren begannen den Sterling zu verkaufen, es drohte eine Währungskrise, der Internationale Währungsfonds musste den Briten einen Notkredit gewähren. Die Rolle des Sterling als Weltreservewährung war Geschichte.
Die USA festigten die Rolle des Petrodollars endgültig über den Sommer 1974 – in Form von Vereinbarungen mit dem saudischen Königreich. Die USA sagten zu, Saudi-Arabiens Industrialisierung voranzutreiben und für die Sicherheit des Landes zu sorgen. Die Saudis versprachen, Öl nur mehr in Dollar zu handeln und einen Teil der Einnahmen in den USA zu reinvestieren. Das System hält bis heute.
Nun scheint es, als könnte der Irankrieg, statt zu einer Absicherung, zu einer neuen Belastungsprobe fürs Petrodollar-System werden. Weil den USA nicht gelungen ist, Teheran auf Linie zu bringen. Im Gegenteil: Der Iran will Gebühren für die Durchfahrt durch Hormus in Renminbi, und später in Kryptowährungen, einheben.
Die Deutsche Bank spricht in einer Analyse vom "perfekten Sturm" auf den Petrodollar. "Der aktuelle Konflikt könnte weitere Schwachstellen offenlegen, indem er den Sicherheitsschirm der USA für die Infrastruktur am Golf und die maritime Sicherheit für den weltweiten Ölhandel infrage stellt." Und weiter: "Ein noch größeres Risiko könnte entstehen, wenn die Welt beginnt, sich von global gehandeltem Öl und Gas abzuwenden" und auf "im Inland verfügbare Brennstoffe, erneuerbare Energien und Kernkraft" umsteigt.
Wenn es Trump tatsächlich um den Petrodollar geht, wären seine natürlichen Verbündeten vor allem Erdölproduzenten, also Golfstaaten und natürlich Russland. Länder, die mit Abkehr liebäugeln, Europa oder China, wären seine natürlichen Gegner. Vielleicht mag auch das eine Erklärung dafür sein, warum Trump sich mit Europa schwer tut, aber einen guten Draht nach Moskau zu haben scheint. (András Szigetvari, 11.4.2026)
2026-04-11T15:12:39Z